Dr. Norman van Scherpenberg
am 12. Oktober 2005
Vor einiger Zeit
berichtete in meinen Rotary-Club ein Pfarrer über die neueren Trends im
Bestattungswesen. Neben vielen anderen Entwicklungen kam er auch auf die
steigende Zahl von Einfachstbestattungen zu sprechen. Die erfolgen vor allem in
den Fällen, in denen die Kommunen die Bestattung von Menschen übernehmen, die
keinerlei Angehörige haben. Eine seltene Situation? Schon heute nicht mehr. Und
in 20 Jahren wird es eine normale Situation sein.
Wenn zwei
Einzelkinder heiraten, keine Kinder bekommen und nach einem erfüllten
Arbeitsleben sterben, ist es extrem unwahrscheinlich, dass Angehörige am Grab
stehen. Die Eltern sind schon gestorben und ohne Geschwister gibt es auch keine
Neffen, Nichten. Es gibt ohnehin keine Kinder, aber auch natürlich keine Enkel,
Großneffen oder Großnichten.
Warum ich Ihnen
das erzähle? Weil es mehr als manche theoretische Überlegung deutlich macht,
dass in 20 Jahren nicht die Jungen Opfer unserer demographischen Entwicklung
sein werden, sondern die Alten. Und bei immer steigender Lebenserwartung ist
das auch schon unsere eigene Generation. Wenn wir heute über die demographische
Entwicklung in Deutschland reden, über ihre Auswirkungen auf die sozialen
Sicherungssysteme, aber auch auf die private Alterssicherung, wenn wir über die
Folgen der zunehmenden Staatsverschuldung reden, wenn wir dabei zu dem Ergebnis
kommen, dass das in eine Katastrophe münden wird, dann ist das wohl richtig.
Falsch ist allerdings zu glauben, das würde eine Katastrophe für unsere Kinder
und Enkel. Es wird eine Katastrophe für all diejenigen unter uns, die noch mehr als 15 bis 20 Jahre Lebenserwartung vor
sich haben. Und das trifft statistisch auf alle zu, die 65 Jahre noch nicht
oder gerade erst erreicht haben.
Denn, was ich
Anfangs für den Einzelfall geschildert habe, gilt natürlich für alle
Generationenfolgen der nach 1935 Geborenen. Seit dem Ende der 60er Jahre liegt
die Geburtenquote, d.h. die durchschnittliche Kinderzahl einer Frau in
Deutschland in etwa bei 1,3. Eine Zahl von knapp 2,1 würde dazu führen, dass
die Folgegeneration etwa so groß ist wie die Elterngeneration. – Eine
Geburtenquote von 1,3 bedeutet also, dass jede Generation nur gut 60 % der Zahl
ihrer Elterngeneration erreicht. Und wenn wir die Generation heute mit etwa 33
Jahren ansetzen und diese Entwicklung in die Zukunft weiter rechnen, dann nimmt
unsere Bevölkerung (einmal mit einer Nettozuwanderung von Null und ohne weitere
Verlängerung der Lebenserwartung gerechnet) wie folgt ab:
- Heute sind wir
rund 82 Millionen Einwohner in Deutschland
- bis zum Jahr 2030 wird
sich diese Zahl noch nicht wesentlich ändern.
weil hier noch Nachwirkungen einer weiteren Verlängerung der
Lebenserwartung zu berücksichtigen sind.
- Im Jahr 2065 wären es dann rund 50 Millionen und 2100 noch
etwa 30 Millionen.
In 100 Jahren reduziert sich bei
dieser Geburtenquote die Bevölkerung also um ungefähr 60 %, d. h., wenn wir das
auf 2200 weiterrechnen, hätten wir dann noch etwa 10 - 12 Millionen Einwohner in unserem Land.
Natürlich ist das
keine Prognose über 200 Jahre, sondern nur der Versuch, die Dynamik eines
solchen Prozesses zu verdeutlichen.
Und das Problem
liegt nicht darin, dass am Ende einmal das Geld für eine würdige Bestattung
fehlen wird, sondern darin, dass schon Geld für ein würdiges Leben im Alter
fehlen wird.
Es gilt die sehr
einfache und klare Aussage (ich will sie nachher noch erläutern): Ganz gleich,
ob die Ansprüche für die Sicherung des Lebensunterhalts im Alter auf
Umlagefinanzierung, kapitalgedeckter Versicherung oder persönlicher
Vermögensbildung beruhen, konkret erbracht werden müssen die Leistungen von der
jeweils aktiven Generation. Und wenn die Pro-Kopf-Belastung der Aktiven in
deren Augen zu hoch ist, werden diese sich kollektiv weigern, sie zu tragen und
sie werden sich damit durchsetzen – auch wenn sie dann nicht mehr die Mehrheit
gegenüber den Alten sind, aber sie sitzen an der Kasse. Aus diesem Dilemma gibt
es nur einen einzigen Ausweg. Und wenn der sofort gegangen wird, wird er etwa
ab 2025 anfangen zu wirken. Der Ausweg heißt: Die Geburtenrate in Deutschland
muss von 1,3 auf mindestens 2,0, also um gut 50 % steigen. Das ist – vorweg
genommen – das Ergebnis der Überlegungen, die ich Ihnen vorzutragen
beabsichtige.
Ich möchte dazu nun noch einmal zurückgehen
und zwei Bereiche vertieft erörtern:
- Das eine ist die
demographische Entwicklung mit ihren Ursachen und mit internationalen
Vergleichen.
- Das Zweite ist die Prüfung, ob die von mir prognostizierte
Entwertung der Ansprüche auf Altersversorgung bei dieser demographischen
Entwicklung tatsächlich so unvermeidlich ist.
Und natürlich will ich mich auch
mit dem Argument befassen, dass ein gewisser Bevölkerungsrückgang in unserem
dicht besiedelten Land ja nicht von Schaden sein müsste.
Fangen wir damit
an, die demographische Entwicklung näher zu analysieren. Vor fünf Jahren musste
man noch vielen Zuhörern erklären, was Demographie ist. Diese Zeiten sind
vorbei. Heute weiß jeder interessierte Zeitungsleser, dass wir es bei diesem
Begriff mit der Entwicklung der Bevölkerung
nach Anzahl, Struktur, Herkunft und Befähigung zu tun haben und dass
Deutschland hier ein Problem hat. Genauer gesagt, geht es bei der
demographischen Entwicklung in unserem Land um vier Problemkreise:
- Zum einen um
die zunehmende Lebenserwartung
- des Weiteren um
die zu geringe Geburtenquote
- weiter um den
Versuch, das Problem über Zuwanderung zu lösen und nicht zuletzt
- um den Anstieg des Anteils der Geringqualifizierten gerade
unter der jungen Bevölkerung.
1. Die zunehmende Lebenserwartung
Die
durchschnittliche Lebenserwartung nimmt seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger
kontinuierlich zu, wobei die Verluste aus zwei Weltkriegen jeweils scharfe
Einbrüche in den Trend bringen. Aber der Trend hat seinen inneren Charakter
massiv verändert. Er begann im 19. Jahrhundert mit dem starken Rückgang der
Kinder- und Säuglingssterblichkeit Das
führte zwar vorübergehend zu höheren Aufwendungen für Erziehung und Bildung,
nachhaltig aber zu einem steigenden Anteil der aktiven Bevölkerung an der
Gesamtbevölkerung. Die Finanzierung dessen, was etwas unschön die Altenlast
genannt wird, wurde dadurch jedoch erleichtert. Es folgte die Phase, in der vor
allem die Sterblichkeit der Aktiven zurückging, weil immer mehr Krankheiten
durch Vorbeugen, Heilen und Rehabilitation beherrschbar wurden. Auch das war
ein weiterer Schritt zur Verbesserung der Relation der Aktiven zu den
Versorgungsberechtigten. Und da
gleichzeitig durch einen Rückgang der Geburtenhäufigkeit die Kinderzahl abnahm,
verminderte sich nicht nur die Altenlast sondern auch die Erziehungslast. Die
Aktiven konnten aus dem vollen leben – und das taten sie auch hemmungslos. Ab
dem Ende der 70er Jahre haben sie sogar nicht einmal mehr den Kapitalstock der
Volkswirtschaft im notwendigen Umfang erneuert sondern die dafür erforderlichen Mittel teilweise
auch noch konsumiert. Und da der Begriff „Humankapital“ letzthin zum Unwort des
Jahres gekürt wurde, ist es wohl konsequent, dass diese ignorante Generation
auch noch die Bildung von Humankapital verabscheut und mit dem Geld lieber die
Touristenzentren der Welt bevölkert als dass sie die eigene Jugend ordentlich
ausbildet und erzieht. Das ist im übrigen ein Problem, das bei den gering und
durchschnittlich Begabten noch viel gravierendere Folgen hat als bei den
Hochbegabten, die sich im Zweifelsfall um ihre Wissensmehrung selbst kümmern.
Heute sieht das
Thema „längere Lebenserwartung“ anders aus. Denn es betrifft fast nur noch die
nicht mehr aktiven, bereits
versorgungsberechtigten Alten, die immer älter werden, d.h. der einst
wohlstandsmehrende Effekt der höheren Lebenserwartung wirkt nun
wohlstandsmindernd.
2. Die unzureichende Geburtenquote
Ich komme nun zu
dem zweiten Problem, der Geburtenquote. Das ist in der modernen demographischen
Berechnung die Zahl der Kinder, die eine durchschnittliche Frau in ihrem Leben
bekommt. Diese Zahl ist von vielen Faktoren abhängig, religiösen, ethischen,
wirtschaftlichen, kulturellen. Auch die praktische Fähigkeit zur
Geburtenplanung und -kontrolle gehört dazu. Eine Geburtenquote von knapp 2,1 in
einem zivilisierten Land ist demographisch optimal. Sie ist gewissermaßen
bestandsneutral.
Nun hören wir
immer wieder, dass eine zu niedrige Geburtenquote typisch für hoch entwickelte
Länder sei. Ich habe mir einmal die Statistik der hoch entwickelten Länder
angeschaut und dabei festgestellt, dass diese Werte doch gewaltig auseinander
fallen. Die zehn Industrieländer mit den höchsten Geburtenquoten haben eine
durchschnittliche Quote von 1,9. – Keines dieser Länder liegt unter 1,7. Die
Gruppe wird geprägt von den USA, Frankreich und den meisten skandinavischen
Ländern. Die zehn Industrieländer mit den niedrigsten Geburtenquoten erreichen
eine Quote von 1,25 , keines hat mehr als 1,3 . Zu dieser Gruppe gehören die
ostasiatischen Industrieländer, also Japan, Korea und Taiwan, die europäischen
Mittelmeerländer Griechenland, Italien, Spanien und die Länder des
deutschsprachigen Raumes. Beide Gruppen haben je rund 400 Millionen Einwohner.
Was ist die
Ursache dafür, dass die eine Gruppe eine nahezu ausreichende Geburtenquote hat
und die andere ein gewaltiges Defizit? Offensichtlich ist es nicht der
Wohlstand. Der ist in Deutschland und Japan einerseits und in Skandinavien und
Frankreich andererseits ungefähr gleich. Es ist auch nicht die Kinderfreundlichkeit
in der Gesellschaft. Die scheint mir in Italien trotz extrem niedriger Quote
immer noch viel größer zu sein als etwa in den USA mit deren Geburtenquote von
2,0. Was die beiden Gruppen jedoch gravierend voneinander unterscheidet, ist
die Einstellung zu Frauen, die Mütter sind. So gleichberechtigt die Frauen in
allen Industrieländern im Beruf heute in der Regel auch sind, wenn sie Mutter
werden, scheiden sich die Geister. In Italien ist es immer noch so, dass die
„mamma“ nach Hause zu den „bambini“ gehört. Und in Deutschland und Japan ist
das nicht viel anders, da hört sich dieser Spruch nur strenger an. In den USA
oder in Frankreich oder in Skandinavien wird die Kindererziehung und Betreuung
jedoch so gestaltet, dass die Mama weiter an ihrer Karriere stricken kann, und
zwar oft nicht einmal, weil sie auf das Einkommen angewiesen ist, sondern weil
sie Freude an ihrem Beruf hat und die Gesellschaft das anerkennt. Und dass die
Kinder dabei vernachlässigt werden, ist zumindest für Frankreich und Skandinavien
statistisch nicht verifiziert.
Im Prinzip könnte
man dennoch darüber sehr wohl diskutieren, welcher Weg der bessere für die
Kinder und für die Gesellschaft ist. Aber diese Diskussion wird etwas
akademisch, wenn die scheinbar kinder- und familienfreundliche Variante wie
etwa in Italien dazu führt, dass kaum mehr Kinder geboren werden und dieses
kinderfreundliche Volk innerhalb von zwei Jahrhunderten von der Landkarte
verschwindet.
Wir werden also
schon sehr viel nüchterner und sachlicher – und nicht von unseren tradierten
Wunschbildern geprägt – an das Thema herangehen müssen, wie wir unserer
Gesellschaft zu einer höheren Geburtenzahl verhelfen.
Dabei ist die
Erforschung der Ursachen für diese Kinderarmut in unserem Land schwierig.
Natürlich haben viele von uns aus ihrer persönlichen Erfahrung ihre dezidierte
Meinung dazu.. Aber hier ist Vorsicht geboten: manche Urteile sind auch
Vorurteile. Und manche Begründungen erscheinen zwar plausibel, verlieren aber
an Gewicht, wenn die für Deutschland behaupteten Ursachen auch in Frankreich
und den USA vorliegen, dort aber nicht die behauptete Wirkung haben.
Da ist es ganz
hilfreich, einmal von der persönlichen Meinung zu abstrahieren und auf die
Ergebnisse der Demoskopie zu schauen, also die Befragung der Betroffenen. Da
stoßen wir auf das Phänomen, dass die in der Politik wohlfeilen Begründungen
für die geringe Geburtenneigung in Deutschland – wie fehlende Kinderbetreuung
und befürchtete Einkommenseinbußen - von
den jungen Männern und Frauen zwar auch genannt werden, dass aber an vorderster
Stelle zwei ganz andere Gründe stehen:
-
der am häufigsten angegebene Grund
ist, dass der richtige Partner fehlt
-
der zweitwichtigste ist, dass man
erst die private Zukunft sicher machen wolle, bevor das Wagnis von Ehe und
Familie eingegangen wird.
Ich will diese
Motive nicht werten; nur eines scheint mir ziemlich klar: Wir haben es mit
Grundeinstellungen der zukünftigen Elterngeneration zu Fragen der Partnerschaft
zu tun und zu der Bereitschaft, mit den Risiken des Lebens zu leben.
Ich will nicht
die These aufstellen, der Staat sei hier machtlos. Aber ganz offensichtlich ist
das Problem nicht allein damit zu lösen, dass der Staat ein paar Milliarden
zusätzlich in die Hand nimmt, für Kindergeld und Kinderbetreuung oder den
Aufbau einer staatlichen Partnervermittlungsagentur mit Erfolgsgarantie.
Wir müssen eine
Antwort auf die Frage finden, wie wir
der nächsten Elterngeneration den Mut zu Ehe und Familie vermitteln können.
Aber wir sollten nicht glauben, dass die Antworten hierauf einfach offen auf
dem Tisch lägen.
3. Einwanderung und die Lösung des
demographischen Problems
Das Ergebnis
unserer Überlegung bis zu diesem Punkt ist, dass die demographische Entwicklung
in unserem Land bedeutet, dass das, was von den Aktiven erwirtschaftet wird,
auf relativ immer mehr Menschen aufgeteilt werden muss, d. h. der Wohlstand pro Kopf sinkt. Die
Verteilungskonflikte zwischen den Aktiven, die das Bruttosozialprodukt erzeugen
und den nicht mehr Aktiven, die etwas davon abhaben wollen, ohne an seiner
Erstellung mitzuwirken, werden deshalb wohl schärfer werden. Da liegt nun der
Gedanke nahe, die Lücke durch Einwanderer zu schließen. Das ist vergleichsweise
unproblematisch, wenn genau die Lücke geschlossen wird, die durch die geringe
Geburtenquote entsteht, d. h. wenn Säuglinge oder Kleinkinder aus dem Ausland
von Inländern adoptiert werden. Nur – warum sollten Paare, die sich gehemmt fühlen, eigene Kinder zu
bekommen, Kinder aus dem Ausland adoptieren, es sei denn, sie gehören zu den
ca. 10 % der Kinderlosen, die aus medizinischen Gründen keine Kinder haben.
Also, als Problemlösung werden wir diese Möglichkeit wohl ausschließen müssen.
Im Normalfall werden nicht Säuglinge
einwandern, sondern junge Leute, die heiraten, dann Kinder bekommen und vielleicht
sogar ihre Eltern nachholen. Denken Sie an das Beispiel der Einwanderung von
deutschstämmigen Großfamilien aus Russland, Kasachstan, der Ukraine, Rumänien
usw. Aber auch bei den Türken ist dieser
Fall recht häufig. Also führt Einwanderung nicht oder nur vorübergehend
zur Verbesserung der Altersstruktur und diese ist schließlich unser
eigentliches demographisches Problem und nicht die Kopfzahl der Bevölkerung.
Einwanderung hat aber noch ein
weiteres Problem. Die USA sind dadurch groß geworden, dass gut qualifizierte,
hoch motivierte Menschen aus dem armen Europa in das Land der unbegrenzten
Möglichkeiten eingewandert sind, die Ärmel hochgekrempelt und zugepackt haben.
Aber die Zeiten haben sich geändert. Länder mit gut qualifizierten Bürgern sind
heute im Normalfall für die eigenen Bürger so attraktiv, dass diese ungern
auswandern und diejenigen, die es dennoch tun, wollen dann doch lieber in die
englischsprachigen Länder wie die USA, Kanada und Australien, wo sie auf Grund
ihrer hohen Qualifikation, zu der heute
ja in der Regel auch die Kenntnis der
englischen Sprache gehört, leichter Fuß fassen. Deutschland dagegen ist als
Zielland eher für gering qualifizierte Einwanderer interessant. Und da haben
wir das nächste Problem der Demographie für Deutschland.
4. Die Qualifikationsstruktur der
nachwachsenden Jahrgänge als Problem der Demographie
Es ist ohne
Zweifel richtig, was viele Fachleute immer wieder ins Feld führen, dass wir
unsere demographischen Probleme durch höhere Ausbildung der Kinder und
Jugendlichen und damit durch höhere Produktivität, wenn diese das Erwerbsalter erreicht haben,
mildern können. Das hilft beim Steueraufkommen, bei der Kranken- und
Pflegeversicherung und es hilft, damit die unvermeidliche Absenkung des
relativen Pensions- und Rentenniveaus – gemessen an den Einkommen der Aktiven –
absolut zu einer Höhe führt, die immer
noch erträglich ist.
Die PISA-Studie
hat uns allerdings gezeigt, dass wir dummerweise auch gerade hier erhebliche
Defizite haben. Sie liegen nicht darin, dass das begabteste Viertel unserer
jungen Generation in der Ausbildung den Wettbewerb mit anderen Ländern scheuen
müsste. Sie liegen vielmehr darin, dass das unterste Viertel so gravierende
Ausbildungsdefizite hat, dass die Beschäftigungsmöglichkeit in unserem System
für sie in Frage gestellt ist. So wächst das Risiko, dass ein zunehmender Teil
der jungen Generation und gerade auch
der Einwanderer mit dem Eintritt in das Erwerbsalter gleich in die Gruppe der
Versorgungsbedürftigen überwechselt, statt in die Gruppe derer, die zur
Versorgung der Alten aktiv beitragen. Und diese Arbeitslosigkeit hat nichts mit
konjunkturellen Schwankungen zu tun, sondern ist ein kaum zu korrigierendes
Ergebnis des Versagens unserer Schul- und Ausbildungspolitik. Hier bekommen wir
nun eine Kumulierung von Effekten. Wir sind – wie schon angeführt – vor allem
für geringer qualifizierte Einwanderer attraktiv. Bei denen allerdings sparen
wir auch noch extrem an der Aufgabe, sie und ihre Kinder und Enkel wenigstens
so gut es bei ihnen geht, zu integrieren und auszubilden, insbesondere auch in
der deutschen Sprache zu unterrichten, sodass sie den ihrer Begabung gemäßen Beitrag zum
Bruttosozialprodukt leisten könnten.
5. Konstanz der
Bevölkerung als Ziel
An dieser Stelle
werde ich nun oft gefragt, ob wir denn unbedingt 80 Millionen Menschen in
Deutschland sein müssen; 60 Millionen wären doch auch eine schöne Zahl. Die
Antwort auf diese Frage ist völlig eindeutig: Natürlich ist es ziemlich egal,
ob wir 50, 60 oder 80 Millionen sind. – Egal für unsere Wirtschaftskraft pro
Kopf, egal auch für unsere Geltung in der Welt. Wirtschaftlich sind die
kleineren Nachbarn in Europa auch sehr potent und politisch haben sie zum Teil
auch sehr großes Gewicht. Ob Sie nun Großbritannien oder Frankreich nehmen oder
auch die Schweiz oder Schweden. Unser demographisches Problem liegt nicht in
der absoluten Höhe der Bevölkerungszahl, sondern in dem Prozess der
Reduzierung. Es liegt darin, dass wir die Bevölkerungszahl von unten her
abschmelzen, dass also die Zahl der Jungen und Aktiven schneller abnimmt, als
die der Alten und dass wir damit die angemessene Versorgung der nicht mehr
Aktiven in Frage stellen, zugleich allerdings dennoch zu viel öffentliche
Mittel in die Umverteilung zugunsten der Alten stecken müssen und zu wenig für
die Erfüllung der zukunftsbezogenen Aufgaben eines modernen Staates übrig
haben. Und mit dem Aufruf, dass wir dann eben alle, Alte wie Junge den Gürtel
enger schnallen müssen, werden wir möglicherweise keinen Erfolg haben. Von einer
gewissen Abgabequote an werden die Aktiven entweder rebellieren oder
auswandern.
Im Übrigen ist
diese Entwicklung zu einer geringeren Bevölkerungszahl ohnehin schon
vorprogrammiert. Wenn die Deutschen ab morgen ihr generatives Verhalten
umstellen und die Frauengeneration, die heute jünger als 30 Jahre ist, von
einer Geburtenquote von 1,3 auf eine Geburtenquote von 2,0, also auf die
bestandserhaltende Quote übergehen würde, was immerhin eine Steigerung der
Geburtenzahl um 50 % bedeuten würde, würde sich die Bevölkerung dennoch bei
einer Nettoquote der Zuwanderung von
Null und bei konstanter Lebenserwartung zwischen 65 und 70 Millionen
einpendeln. Denn die in den letzten 30 Jahren geborene Müttergeneration entspricht
schon gar nicht mehr der Bevölkerungszahl von 82 Millionen.
Was ich Ihnen
bisher geschildert habe, sind Fakten, die die Experten für die Reform unserer
sozialen Sicherungssysteme seit Jahren vor Augen haben. Und sie spielen
natürlich bei allen Überlegungen zur Reform der Sicherungssysteme eine
entscheidende Rolle. Im Mittelpunkt dieser Erörterung steht immer wieder die
Überlegung, generell, d. h. sowohl für die Kranken- und Pflegeversicherung als
auch für die Rentenversicherung von der Finanzierung im Umlagesystem auf die
Finanzierung durch Kapitalansammlung überzugehen, weil diese, wie es heißt,
demographiefester sei. Ich möchte mich nun mit diesem Argument ein wenig
auseinandersetzen.
Natürlich wissen
die Experten genau, dass unabhängig von der Art der Finanzierung die Leistungen
für die Alten immer von den Aktiven erarbeitet werden müssen. Denn man kann
zwar Geld über Jahrzehnte aufheben, aber nicht Brot. Dieses muss immer wieder
frisch gebacken werden. Die Frage ist
jedoch, auf welche Rechtsgrundlage die Älteren ihre Forderungen an die Aktiven
stellen können. Hier gibt es im Prinzip drei Alternativen:
-
Die erste ist die, auf die
heute unsere sozialen Sicherungssysteme einschließlich der Pensionen und
anderer Staatsleistungen begründet ist. Die Alten bauen mit ihren Leistungen
und/oder Beiträgen eine Forderung auf,
die im Grunde an die künftigen Aktiven ihres Volkes gerichtet ist. Die
Forderungen werden mit der Zahlung von Steuern und Beiträgen – ohne Zwischenschaltung
irgend eines Kapitalansammlungsfonds – finanziert; diese Steuern und Beiträge
werden dabei allerdings schon für jeweils laufende Aufgaben verausgabt.
Üblicherweise wird dies das solidarische System genannt. Seine Schwäche liegt
darin, dass der Gesetzgeber die Möglichkeit hat, die künftigen Ansprüche an die
Finanzlage anzupassen. Die Stärke dieses
Systems ist, dass es – wie der Zusammenbruch nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt
hat – besonders krisen- und katastrophenfest ist.
-
Die zweite Variante ist die, die
heute Ersparnisse bildet und diese im Inland investiert. Sie kennzeichnet
sowohl die unmittelbare durch individuelle Vermögensbildung als auch die
mittelbare durch Lebens- und Krankenversicherungen erfolgende Alterssicherung.
Hier wird ein Kapitalstock gebildet. Soweit er aus rentierlichem Sachkapital
besteht, erwarten wir von den künftigen Aktiven, dass sie dann Mieten an uns
zahlen oder Dividenden für uns erwirtschaften. Soweit wir oder unsere
Versicherungen in Schuldverschreibungen des Staates investieren, erwarten wir,
dass die nächste Generation die Steuern bezahlt, um Zins- und Tilgungszahlungen
an uns zu ermöglichen. Die Stärke dieses Systems ist, dass unsere Ansprüche dem
Grunde und der Höhe nach von der Eigentumsordnung geschützt sind. – Die
Schwäche ist, dass dieses System große Krisen mit Zusammenbrüchen von
Immobilienmarkt und Unternehmen bzw. Zahlungsunfähigkeiten von Bund, Ländern und Gemeinden nur arg zerzaust übersteht, ohne dass dann
ein Anspruch auf Solidarität verbrieft ist. Die kleine Krise der
Lebensversicherungen angesichts des Platzens der Blase des Neuen Marktes war
hier ein Vorgeschmack.
-
Als Drittes bietet sich noch an, dass wir die
Ersparnisse –direkt oder indirekt- in
anderen Ländern mit besseren demographischen Entwicklungen und geringerem
Krisenrisiko anlegen. Hier freilich kommt zu den vorher genannten Risiken noch
das politische und das Wechselkursrisiko hinzu, das immerhin auf Jahrzehnte
hinaus richtig eingeschätzt werden muss.
Quintessenz: Das Umlageverfahren
einerseits und die kapitalgedeckte Sicherung andererseits haben
unterschiedliche Risiken. – Aber beide haben erhebliche Risiken auf lange
Sicht. So ist die Präferenz für das eine oder andere eine Einstellungsfrage.
Und diese ist ökonomisch nicht wirklich zu beantworten, weil die jeweiligen Risiken
vor allem außerökonomischer Art sind.
Mit einem
einfachen Satz also: Nichts und niemand garantiert uns unsere Alterssicherung
oder, um Norbert Blüm aufzugreifen: Die
Renten sind mit Sicherheit unsicher und jede andere Alterssicherung auch und
das insbesondere bei unserer demographischen Entwicklung.
Lassen Sie mich
nun versuchen, aus all dem Gesagten zu einer Schlussfolgerung für politisches
Handeln im Rahmen der Generationenverantwortung zu kommen.
-
An erster Stelle steht die
Erkenntnis, dass jede Generation selbst dafür verantwortlich ist, dafür zu
sorgen, dass die nächste Generation in der Lage ist, die vorangehende im Alter
zu versorgen. Dazu genügt es nicht, Rechtsansprüche aufzubauen, gleich welcher
Art. Das Wichtigste ist, dafür zu sorgen, dass die nächste Generation von der
Zahl her groß genug und von der Qualifikation her leistungsfähig genug ist, um
diese Verpflichtung tatsächlich schultern zu können. Nichts ist also zur
Sicherung des eigenen Alters einer Generation wichtiger, als genug Kinder und
Enkel zu bekommen, d. h. eine Geburtenquote von 2 bis 2,1 zu erreichen. Bei
allen Überlegungen zur Familienpolitik sollte dies im Mittelpunkt stehen, dass
wir genug Familien mit genug Kindern haben. Familienpolitik ist also in erster
Linie langfristig orientierte Wirtschaftspolitik und hat in zweiter Linie auch
einen sozialen Aspekt.
-
Die nächste Forderung muss sein,
dass wir genug in die Bildung und Ausbildung unserer Kinder und Enkel
investieren, damit sie im Durchschnitt nach Möglichkeit mindestens genauso
qualifiziert sind wie die Elterngeneration. Das gilt nicht nur für die
Spitzenbegabungen, sondern für alle, also auch für das untere Begabungsviertel.
Jedes Defizit in diesem Punkt vermindert im Zweifelsfall das Realeinkommen der
nächsten Generation und deren Fähigkeit,
für Lebensunterhalt und Gesundheit der Elterngeneration angemessen zu
sorgen. Und so wie die Lage bei uns ist, ist dies vor allem ein Problem der
Integration jener Einwanderer, die schon im Lande sind. Allerdings verlangt das
auch für die Zukunft eine in Bezug auf die Qualifikation sorgfältigere
Einwanderungspolitik.
-
Die dritte Forderung ist, dass wir
der nächsten Generation eine mit realem Kapital und wissenschaftlicher
Leistungsfähigkeit bestens ausgestattete Volkswirtschaft übergeben. Jedes
Defizit in diesem Punkt belastet die nächste Generation mit Aufwand, um das
Defizit aufzuholen und vermindert dadurch deren Fähigkeit, für die Alten
angemessen zu sorgen. An den Beispielen eines vernachlässigten Schienen- und
Straßennetzes könnte man das besonders gut nachvollziehbar erläutern.
-
Die vierte Forderung ist, dass wir
ein gut funktionierendes Staatswesen und eine geordnete Gesellschaft in einem
friedlichen Umfeld weitergeben. Je mehr die nächste Generation für innere und
äußere Sicherheit und zur Korrektur sonstiger gesellschaftlicher
Fehlentwicklungen ausgeben muss, desto geringer wird deren Fähigkeit, auch noch
die Alten zu versorgen.
Das alles kostet
uns heute mehr Disziplin in der Politik, mehr Anstrengung und mehr Geld als wir
bisher aufzubringen bereit sind. Und die Vorstellung, wir könnten das über eine
zunehmende Staatsverschuldung der nächsten Generation aufbürden, ist Illusion.
Die sind wie ich schon dargelegt habe, gar nicht in der Lage, die Staatsschuld,
die wir bisher schon aufgehäuft haben, zu bedienen. Und vergessen Sie
nicht: Die geschädigten Gläubiger dieser
evtl. nicht mehr zu bedienenden Staatsschuld sind vor allem unsere Lebens- und
Krankenversicherungen. Das trifft schon unsere Generation und nicht erst unsere Kinder.
Aber da ist noch
ein weiteres Problem. Selbst wenn es uns gelingt, all diese Forderungen
unverzüglich zu erfüllen und die Geburtenrate ab 2005 auf das erforderliche Maß
anzuheben, blicken wir nicht nur auf 30 Jahre Geburtendefizit zurück. – Es wird
noch einmal rund 20 Jahre dauern, bis die ersten nunmehr normalen
Geburtenjahrgänge in das Arbeitsleben eintreten und zum Bruttosozialprodukt
beitragen. Wir haben also auf jeden Fall einige kritische Jahrzehnte zu
überbrücken. Und das geht sehr viel einfacher, indem wir in den nächsten
Jahrzehnten mehr arbeiten, als wenn wir versuchen, den Gürtel enger zu
schnallen.
Wie geht das? Ich
zähle dies einfach einmal in Stichworten auf:
-
Verkürzung der Ausbildungszeiten
(ohne Verschlechterung des Ergebnisses) durch intensivere Arbeit (von Studenten
und Auszubildenden ebenso wie von Professoren und Ausbildern) während der
Ausbildung
-
Verlängerung der Lebensarbeitszeit
am oberen Ende, d. h. Altersgrenze mit 68 und weniger Anreize zum Ausscheiden
vorher - aus welchen Gründen auch immer.
Dazu gehört auch der pflegliche Umgang mit der Arbeitskraft der Älteren
-
Mehr Erwerbstätigkeit der Frauen, auch der
Mütter
-
Eingliederung der Arbeitslosen in das
Beschäftigungssystem.
An dieser Stelle muss zwangsläufig die Frage kommen, wo diese Menschen denn Arbeitsplätze finden können. Wir müssen also einen kurzen Exkurs in den Arbeitsmarkt machen. Vielfach heißt es, dass unser Arbeitsmarkt an fehlender internationaler Wettbewerbsfähigkeit leidet. Aber wir haben nicht nur exzellente Exportzahlen sondern auch einen hohen Außenhandelsüberschuss, d.h. über den Außenhandel gewinnen wir zusätzliche Arbeitsplätze. Mit den Effekten der Globalisierung stützen wir unseren Arbeitsmarkt.
Ohnehin stehen nur etwa ein Drittel unserer Arbeitsplätze im internationalen Wettbewerb. Zwei Drittel sind praktisch ohne internationale Konkurrenz: Das gilt für Handwerk und Einzelhandel, es gilt für das Bildungswesen, das Gesundheitswesen, die Pflegedienste, die hauswirtschaftlichen Dienste einschließlich der Kinderbetreuung. Und gerade auf diesen Gebieten klagen wir darüber dass die Leistungen unzureichend sind:
- Wir brauchen heute Ganztagsbetreuung für Kinder, nicht nur, weil Mütter berufstätig sein wollen sondern auch, weil sie zu einem wesentlichen Teil der Bevölkerung ihrem Erziehungsauftrag nicht mehr gerecht werden können.
- Wir brauchen eine bessere Ausbildung für Heranwachsende und junge Erwachsene und eine bessere Fortbildung für ältere Berufstätige.
- Wir könnten auch sehr viel mehr Unterstützungen in den Haushalten –einschließlich der Kinderbetreuung – gebrauchen; und wir hätten hierfür auch vermutlich viel Nachfrage, wenn wir diese Arbeit nicht mit unvernünftig hohen Abgaben belasten würden.
- Und wir brauchen eine bessere Pflege und Betreuung der Alten.
Sie könnten mir nun entgegen halten, all das seien überwiegend öffentliche Aufgaben oder solche, die eine öffentliche Finanzierung benötigen und dass der Staat kein Geld mehr für zusätzliche Aufgaben habe.
Und damit hätten Sie weitgehend Recht. Aber liegt das vielleicht nicht auch daran, dass wir so viel Geld dafür ausgeben, dass Menschen nicht arbeiten (nicht nur für Arbeitslose sondern auch für hoch leistungsfähige, hoch qualifizierte Pensionäre und Rentner), dass das Geld dann nicht mehr dafür zur Verfügung steht, die Menschen dafür zu bezahlen, dass sie arbeiten.
Natürlich geht das alles nicht zu
unseren jetzigen Arbeitsbedingungen m jetzigen Lohnniveau. Wir werden in
unserem Land auch Arbeitsplätze mit geringerer Produktivität und damit mit
geringeren Arbeitskosten zulassen müssen als das heute der Fall ist. Aber das
wird für alle wohlstandsfördernd sein, denn auf die Gesamtbevölkerung gerechnet
ist das natürlich ein Mehr an
Sozialprodukt pro Kopf. Dieses Mehr wird allerdings nicht in mehr individuellen
Wohlstand münden, sondern dessen zwangsläufiges Absinken mildern.
Sie sehen, auch für einen
scheinbar säkularen Trend gibt es so etwas wie einen „turn around“. Dazu gehört, dass wir unsere
Verantwortung für die nächste Generation und damit zugleich für unsere eigene
Generation ernst nehmen. Das Ziel erreichen wir allerdings nicht indem wir uns
gegenseitig permanent zu Verzicht und Sparen auffordern – nach dem Motto
„Ackermann, geh du voran“, sondern indem wir fantasievoll aber auch streng
dafür sorgen, dass alle arbeiten, die arbeiten können.
Der Weg ist klar
und – so glaube ich – ohne Alternative Und er hat auch eine sehr
verheißungsvolle Botschaft. Sie heißt, unsere Probleme sind hausgemacht und
nicht das Resultat der Globalisierung. Das bedeutet, auch die Lösungen können
und müssen hausgemacht sein. Dies zu erkennen, die richtigen Schlüsse daraus zu
ziehen und dann die Ärmel hochzukrempeln – darin liegt unsere Chance . Und es
gibt keinen vernünftigen Grund dafür anzunehmen, dass wir nicht mehr die Kraft
haben, diese Chance auch zu ergreifen.